Überpsychologisierung - Cyberchondrie & Morbus Google

Ich bin immer wieder erstaunt warum immer jüngere Menschen mit den seltsamsten Diagnosen ankommen. Vollkommen verunsichert sind, nicht weiter machen können, Erfreulicherweise Hilfe suchen, aber sich auch viel zu viel auf jegliche Körperempfindung konzentrieren.

Es ist seit langem bekannt, dass die Pubertät also der Übergang zum Erwachsen werden nicht leicht ist, vor allem in modernen Gesellschaften, in denen die jungen Menschen - außer durch die Schule - in diesem Alter wenig Rückmeldung über ihr Können bekommen und meist auch keine Verantwortung tragen müssen.

Viele der jungen Menschen wurden durch ihre Umgebung, meist den Eltern so gepampert, dass sie in normalen Arbeitszusammenhängen nicht mehr richtig funktionieren können. Man hat das Gefühl, dass ihnen jeder Wunsch erfüllt wurde, wobei sie häufig durch Aggressionen, gegen die elterlichen Verweigerer, es schaffen ihren Kopf durchsetzen. Das rächt sich später, wenn dieses Verhalten halt nicht mehr geduldet wird. Einige lernen sich anzupassen, andere kommen mit ihrem Leben nicht klar. 

Jeder Pups wird psychologisch betrachtet, alle leiden unter Traumata und sind missbraucht und bei Google findet man dann gleich immer die passende Diagnose, denn alles was da auf den Onlineseiten als Symptome beschrieben wird, kann immer auf die eigene Situation passend gemacht werden. Man findet mannigfach Erklärungen, warum es einem gerade schlecht geht, wer dafür verantwortlich ist und haufenweise Tipps, die beim tatsächlichen Umsetzen auch Sozialbeziehungen schwer belasten, wenn nicht sogar zerstören. Vgl. mein Blog-Beitrag dazu wenn Kinder den Kontakt zu den Eltern abbrechen. Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidtbauer hat sogar aus seinem Erfahrungsschatz ein Buch dazu geschrieben. 

Aber kommen wir zu der Cyberchondrie zurück. Ein Elend für Ärzte sind die Patienten, die die Diagnose schon mitbringen, dank Internet glauben alle Experten zu sein. Wenn man heute Erwachsene unterrichtet, kämpft man erst mal gegen das Halbwissen der Teilnehmer, bis man endlich als Sachkundiger akzeptiert wird. Anders sieht es aus wenn ein allseits bekannter Experte / Guru aus den Medien seine Sichtweise darstellt, dann wird der letzte Schwachsinn geglaubt. Dabei wird völlig missachtet, dass auch dieser Wissenschaftler einer ganz bestimmten Richtung angehört und es häufig noch andere Sichtweisen dazu gibt. In der Psychologie gab es z.B. gleichzeitig Vertreter der Richtung, dass es schädlich ist wenn Mütter von Kindern bis ca. 10 Jahre arbeiten gehen und die andere Richtung bewies die Ansicht, dass es förderlich ist, wenn Mütter berufstätig und damit ausgeglichener sind. 

Was ich außerdem beobachte, ist die von mir so bezeichnete Überpsychologisierung. Wir sind heute schnell dabei Belastungen, die ganz natürlich im Lauf des Lebens auftreten als Störung zu betrachten. Wir reden endlos darüber, machen viele Dinge schlimmer als sie überhaupt sind. Wir geben der Zeit, die auch im eigenen Kopf neue Sichtwiesen entstehen lässt (kognitiv umstrukturiert) keine Chance, sondern halten hartnäckig an unseren "Verletzungen" fest bis dann ein Therapeut diese "kognitive Umstrukturierung" mit den Klienten macht. Was die Kriegsgeneration zu wenig gemacht hat, wird momentan zu viel gemacht.

Im Leben gehört das Aushalten von schwierigen Situationen dazu, erst danach kann man Bewältigungsstrategien entwickeln und wächst daran, entwickelt seine Persönlichkeit weiter. Die wirklich spannenden Menschen haben solche Krisen bewältigt und haben sich dabei ihre Lebensfreude erhalten. Das spürt jeder der ihnen begegnet denn von ihnen geht eine Kraft aus, die mitzieht, beruhigt, Mut macht und Vertrauen in die Selbstheilung/Selbstwirksamkeit gibt.

Selbstverständlich wird es immer extreme Situationen bzw. Krankheiten geben, die professionelle Begleitung brauchen und die sollen diese aus rechtzeitig bekommen.

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